Margot Barnard

Lebensstationen - von ihr selbst erzählt -

Quelle: Barnard, Margot: "Ich sehe Dich nie wieder!": Erinnerungen für die Zukunft, Bouvier-Verlag, Bonn 2009

 

Kapitelübersicht

 

Kindheit in Beuel

"Am 24. Dezember 1919 ging meine hochschwangere Mutter in den Metzgerladen ihrer älteren Schwester nach Bonn, wie sie es an allen Samstagen und jeweils vor denMB Kleinkind Feiertagen zu tun pflegte, um im Geschäft zu helfen. Obwohl sie jede Stunde die Geburt ihres Kindes erwartete, ließ sie sich von dieser Pflicht nicht abbringen. Der Laden war voll mit Kunden, die für das Weihnachtsfest einkaufen wollten. Plötzlich setzten die Wehen ein. Man musste meine Mutter mit sanfter Gewalt nach Hause bringen, sie hätte sonst aus Pflichtbewusstsein einfach weiter gem

Zu Hause in der Neustraße 6 warteten meine Großeltern, mein Vater, mein zweieinhalb Jahre alter Bruder Walter, das Dienst­mädchen Gretchen und die Hebamme, die man im letzten Mo­ment gerufen hatte. In diesem Kreise erblickte ich - es war wohl um die Mittagszeit - das Licht der Welt und kam so um einige Stunden dem Christkind zuvor." (S. 13)

 

Kindergarten

"Wir wohnten direkt neben der evangelischen Kirche. Dort gab es auch eine Verwahrschule - die dem heutigen Kinder­garten entspricht - und von evangelischen Schwestern geleitet wurde. Mit drei Jahren kam ich dorthin, mein Bruder Walter ging bereits zur Volksschule. Der Tagesablauf in der Verwahrschule war immer gleich. Nach dem Morgengebet stand Fröbel auf dem Programm, es gab Puppen und einige sehr einfache Holzspielzeuge. Die Schwestern waren streng, aber gutherzig, für sie gab es keinen Unterschied zwischen Juden und Christen oder Arm und Reich. Ich war glücklich da. Auch als ich schon längst in die höhere Schule ging, besuchte ich von Zeit zu Zeit den Garten der Verwahrschule.MB Kindergarten

Meine Mutter war mit den Schwestern befreundet. Sie hat­te großen Anteil an der jährlichen Weihnachtsbescherung für arme Kinder und verpflichtete sich, Puppenkleider zu häkeln. Eine Bescherung war ein aufregendes Ereignis, auf das ich mich immer sehr freute. Wir versammelten uns morgens in der Verwahrschule. Schwester Maria im dunkelblauen Sonntagsgewand führte die Kinder zur Kirche. An einer bestimmten Stelle hatten wir „Kling Glöckchen, klingeling..." zu singen, und wenn wir zu dem Vers „Öffnet uns die Türen..." kamen, gingen die Kirchentüren auf. Unter dem Christbaum lagen Puppen und andere Geschenke, die bei der Feier an die Kinder verteilt wurden." (S. 14)

 

Ferien

"Wenn die großen Sommerferien kamen, freuten wir Kinder uns vor allem auf die Wanderungen mit meiner Mutter. Feri­enreisen ins Ausland waren damals noch unüblich. Sehr oft gesellte sich auch ihre beste Freundin, Frau Frank, zu uns.MB Petersberg

Wir zogen unsere Schnürstiefel an, packten den Rucksack und fuhren mit der Bahn nach Königswinter. Von dort mar­schierten wir los zu einem vorbestimmten Ausflugsort wie zum Drachenfels oder auf den Petersberg. Obwohl es zum Teil weite Entfernungen und steile Wanderwege waren, mach­te es uns Kindern nichts aus. Die Wanderungen mit meiner Mutter und Frau Frank waren immer mit viel Lachen und Gesang erfüllt." (S. 16)

 

Volksschule - Ohrfeige

"Oberlehrer Schneider war gut bekannt mit meinen Eltern. Sie trafen sich öfter auf der Straße. Wenn ich einen guten Aufsatz geschrieben hatte, schickte mich Fräulein Huber zu Herrn Oberlehrer in die höchste Klasse und dort wurde mein Aufsatz vorgelesen.MB Onkel

Lehrer Klein, den ich eigentlich gern mochte, weil er gut aussah, ist mir wegen der einzigen Ohrfeige in Erinnerung geblieben, die ich in der Schule bekam. Ich war an der Bank­reihe entlang gehüpft und hatte übermütig jedem einen leich­ten Klaps gegeben. Daraufhin rief mich Lehrer Klein nach vorne und bestrafte mich vor der Klasse mit einer Ohrfeige. Jahrzehnte später, als ich mich bei der Hundertjahrfeier der Schule nach diesem Lehrer erkundigte, erfuhr ich zu meiner Überraschung, dass er ein Nazi geworden war." (S. 19)

 

Jüdische Feiern – Jom Kippur

"Zu den wichtigsten religiösen Feiertagen der Juden gehört das Neujahrsfest Rosh Haschanah, das zehn Tage später mit dem Versöhnungstag Jörn Kippur endet. Auch bei uns war die Stimmung feierlich und man kleidete sich festlich. Wenn die Familie gemeinsam das Haus zum Besuch der Synagoge ver­ließ, wussten die Nachbarn, dass die Kobers ihren höchsten Feiertag begingen. Einige Fenster öffneten sich, mein Vater lüftete den Hut und grüßte und die Nachbarn nickten wis­send. Wir Kinder gingen voraus, hinter uns folgten die Eltern und der Vater flüsterte: „Haltet euch gerade!" Bei diesem Auf­zug machte ich ein feierliches Gesicht wie alle an diesem Tag. Doch geradezu zwanghaft kam mir jedes Mal jenes Liedchen in den Sinn, das ich in der Verwahrschule gelernt hatte: „Erst kommt der Sonnenkäfer Papa, dann die Sonnenkäfer Mama und hinterdrein so klimperklein kommen die Sonnenkäfer Kinderlein.“ Dann bogen wir in die Wilhelmstraße ein und sahen andere Mitglieder der Jüdischen Gemeinde genauso feierlich der Synagoge zustreben. Männer und Frauen saßenSynagoge getrennt, die Kinder in der ersten Bank. Es roch nach Synagoge und Mottenkugeln. Weil es Herbst war, hatten die Frauen ihre Pelzmäntel hervorgeholt und schätz­en einander mit Blicken ab.

Am Jörn Kippur wird gefastet. Man hält sich nahezu den ganzen Tag in der Synagoge auf. Eine Ausnahme gibt es nur für Kinder und Alte. Wir wurden um die Mittagszeit mit un­serer Großmutter von Gretchen zum Essen abgeholt. Zum Fastenbrechen gab es traditionell eingelegte Heringe mit Pell­kartoffeln. Auch Juden, die sonst nicht sehr fromm lebten, besuchten an diesem Tag fast ohne Ausnahme die Synagoge. Das gab in der Gemeinde immer wieder Anlass zu entspre­chenden Kommentaren. „Der will sich auch das Türchen zum jüdischen Himmel offen halten".

Der Tag der Versöhnung aber hatte auch eine sehr reale Seite. Meine Mutter bestand jedes Mal darauf, dass ich mich mit Freundinnen, mit denen es Streit gegeben hatte, aussöhnte. Ich fand es ungerecht, dass ich damit immer anfangen musste. Aus heutiger Sicht war es eine gute Lehre, für die ich mei­ner Mutter dankbar bin." (S. 24f.)

 

KarnevalMB Karneval1

"Gleich darauf folgte mein Geburtstag und damit verbun­den ist bei mir bis heute das Gefühl von Benachteiligung, weil meistens kein Unterschied gemacht wurde zwischen Chanukka- und Geburtstagsgeschenk. Neujahr und Karneval feierten wir wie alle anderen. Meine Eltern gingen gelegent­lich auf einen Ball. Ganz beliebt waren die Büttenreden, die meine Eltern abends mit Freunden im Radio hörten. Manch­mal durften wir Kinder mithören und lernten so die neuesten Schlager kennen. Von meiner Großmutter erzählte man, dass sie einmal im Jahr ausging, und zwar zur Weiberfastnacht." (S. 23)

 


Gymnasium

"In der vierten Klasse machte ich die Aufnahmeprüfung für das Gymnasium. Fräulein Huber kam eines Morgens in das Klassenzimmer und eröffnete uns, sie habe eine gute Nach­richt. Vier Schüler der Klasse hätten es geschafft. Ich war eine von ihnen, sehr zur Freude meiner Eltern.

Damit begann ein neuer Lebensabschnitt. Ich kam in das städtische Oberlyzeum für Mädchen, das jetzige Clara-Schu­mann-Gymnasium in Bonn. Nun hatte ich einen Schulweg von etwa eineinhalb Stunden zu Fuß oder einer dreiviertel Stunde mit dem Rad. Das machte mir aber nichts aus. Ich liebte diese Schule, die gute Atmosphäre und die freundlichen Mitschülerinnen. Die neuen Schulfächer - Fremdsprachen, Biologie, Geschichte, Geometrie - waren faszinierend. Mein l.ieblingsfach war Deutsch." (S. 31f.)

 MB Elternhaus

Machtergreifung

"Bei uns zu Hause waren die abendlichen Besuche von Freunden schon seit langem überschattet von Unsicherheit und Ängsten - ausgelöst durch die wirtschaftliche, soziale und politische Krise jener Jahre. Im Reichstag war die Nazi-Partei immer stärker geworden. Ich schlief schon, als es am 30. Januar 1933 an meine Schlafzimmertür klopfte. Mein Bruder kam herein, rüttelte mich und sagte: „Wach auf, jetzt wird es für uns Juden sehr schlimm werden, Hitler ist an die Macht gekommen". Reichspräsident von Hindenburg hatte Hitler zum Reichskanzler ernannt. Mit einem Schlag wusste ich, dass meine Kindheit zu Ende war. Und so war es auch. In der Schule merkte ich zunächst nichts, obwohl Propaganda­minister Goebbels sofort antijüdische Parolen verkündete." (S. 33f.)

 

Ausgrenzung

"Man versuchte erst einmal so weiter zu machen wie bisher. Mein Vater fuhr mit dem Auto zu Kunden, kam aber öfter er­schüttert nach Hause und erzählte, dieser oder jener habe sich bei ihm entschuldigt, er könne nichts mehr von ihm kaufen, weil es zu gefährlich für sein Geschäft sei. Bald darauf riefen die Nazis zum Boykott der jüdischen Kaufleute auf. Am 1. April 1933 wurden Geschäfte von SA-Männern umstellt und die Schaufenster mit Hetzparolen wie „Juda verrecke", „Kauft nicht beim Juden" beschmiert. An diesem Tag saßen wir alle um den Tisch und versuchten zu essen, verspürten Angst und wussten nicht, was wir tun sollten. Wir beschlossen, uns mit den Verwandten aus der AcherstraßeMB Jugend zu treffen. Als wir aus dem Fenster schauten, verstärkte sich unsere Panik, weil ei­nes der Mädchen, die regelmäßig zu uns zum Essen kamen, in BDM-Uniform vor unserer Haustür stand. Aber wir hatten doch gar kein Geschäft und wussten nicht, was wir davon hal­ten sollten." (S. 34)

 

Veränderungen in der Schule

"Die Diskriminierung der Juden machte natürlich vor der Schule nicht Halt. Ich erscheine zum Unterricht und mein Lieblingslehrer, Studienrat Heintke, sagt zu mir: „Bitte informiere deine jüdischen Mitschülerinnen, dass ihr heute nicht im Deutschunterricht teilnehmen dürft. Wir haben Rassen-kunde." Wir fünf Mädchen zogen uns in ein leeres Klassen­zimmer zurück. Ich hatte Angst und war gleichzeitig wütend. Sonst änderte sich nicht viel. Unsere Schuldirektorin Dr. Schellens machte keinen Hehl daraus, dass sie keine „Hitlerike“ war. Viel später wurde sie deswegen strafversetzt." (S. 35)

 

Zionismus

"Mit dem Zionismus hatte ich bis dahin noch keine Berührung. In unserem Wohnzimmer stand eine blaue Blechbüchse mit der hebräischen Aufschrift „Keren Kajemeth Leisrael". Der „Jüdische Nationalfonds" sammelte Geld für Bodener­werb in Israel. Es gab aber noch kein Land, das Israel hieß, und ich hatte überhaupt keine Vorstellung, was das alles be­deutete. Was meine Mutter darüber wusste, war wohl wenig. Aber wenn meine Mutter „Kränzchen" hatte, wurde der Ge­winn vom Rommespiel in diese Büchse gesteckt." (S. 37)

Intensiv wurden auch die Möglichkeiten erörtert, ein Zertifikat für die Einwanderung nach Palästina zu bekommen. Es war aber sehr schwierig, denn ein Zertifikat war wie ein Lottogewinn. Palästina stand unter englischer Mandatsherrschaft. Aus politischen Gründen MB Familiewurde die Zahl der Ein­wanderer begrenzt, so gab es nur eine beschränkte Anzahl von Zertifikaten. Sie wurden erteilt, wenn man von bereits in Palästina lebenden Verwandten angefordert wurde oder auf einer Warteliste stand. Die meisten Zertifikate waren für jüngere Leute vorgesehen. Die zionistischen Organisationen setzten dabei voraus, dass man gesund und arbeitsfähig war und eine zweijährige Vorbereitungszeit beispielsweise in der Landwirtschaft absolviert hatte." (S. 51)

 

Die Reise

"Am Montagmorgen fuhren wir mit dem Taxi zum Bonner Bahnhof. Dort wartete eine Gruppe vom Haschomer Hazair auf mich, um Lebewohl zu sagen. Meine Mutter zog mich hinter eine Bank: „Es soll niemand sehen, wie ich mich von dir verabschiede" und riss mich an sich. Sie wiederholte im­mer wieder: „Geh' nicht fort, geh' nicht fort. Ich sehe dich nie wieder!" Mein Vater war blass und schwieg. Der Zug fuhr ein, Ulrich stand mit seiner Familie in der Nähe. Wir stiegen ein, die Türen wurden zugeschlagen, der Zug fuhr an und mein Vater lief neben ihm her, bis er aus meinem Blick verschwand. Ich lachte hysterisch und weinte gleichzeitig.

Mein Vater hatte mir noch zehn Mark mitgegeben. Bei un­serem ersten längeren Aufenthalt ging ich in eine Buchhand­lung und kaufte mir die Kunstgeschichte von Hamann, die ich noch heute besitze.MB Kibbuz

Der Zug hielt in vielen Städten und nahm immer mehr junge Auswanderer auf. Überall spielten sich ähnliche Ab­schiedsszenen ab. Ich erinnere mich an einen alten blinden Mann in Straßburg, der sich sehr bewegt von seinem Sohn verabschiedete. Mit im Zug fuhr auch eine nette Dame von der Jugendalijah, die sich neben mich setzte und sagte: „Ich bin sehr froh, dass es deinem Vater noch gelungen ist, die Be­scheinigung zu erhalten." Die Reise in dem völlig überfüllten Zug war anstrengend, aber das machte uns nichts aus. Nach zwei Tagen und einer Nacht fuhren wir in Marseille ein." (S. 59)

 

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